WARUM WIEN, WARUM MUSIK
Wien: Die Stadt, die Mozart und Strauss beide ihre Heimat nannten
Mozart kam 1781 an, Strauss' Walzer beherrschten ein Jahrhundert später die Ballsäle – wie eine Stadt zwei Jahrhunderte klassischer Musik hervorbrachte und bis heute aufführt.
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Wiens Anspruch auf den Titel „Stadt der Musik“ ist keine Sentimentalität – er ist eine direkte Folge davon, wer hier das Sagen hatte. Als Hauptstadt des Habsburgerreiches konzentrierte Wien eine ungewöhnliche Dichte wohlhabender Mäzene: den kaiserlichen Hof selbst sowie eine Schicht aristokratischer Familien, die darum wetteiferten, die besten Komponisten zu engagieren und die besten Orchester und Privatkonzerte zu finanzieren. Diese Mäzenatenwirtschaft ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Komponisten aus dem gesamten deutschsprachigen Europa immer wieder hierherzogen, statt an kleineren Höfen zu bleiben – Wien konnte eine Musikkarriere tragen, wie es Salzburg, Mozarts eigene Heimatstadt, schlicht nicht konnte. Der musikalische Ruf der Stadt wurde auf diesem Geld aufgebaut, lange bevor es Aufnahmen oder Rundfunk gab, um ihn in die Welt hinauszutragen.
Mozarts zehn Jahre in Wien
Mozart zog 1781 mit fünfundzwanzig Jahren nach Wien und löste sich von seinem Arbeitgeber, dem Erzbischof von Salzburg, um sein Glück in der größeren Stadt als freischaffender Komponist und Musiker zu versuchen – ein wahrhaft riskanter Schritt, bedeutete er doch den Verzicht auf ein gesichertes Gehalt. Künstlerisch zahlte es sich aus, wenn auch nicht immer finanziell: In Wien schrieb er „Die Hochzeit des Figaro“ (1786), erlebte im Folgejahr die Wiener Premiere des „Don Giovanni“ und vollendete 1791 mit „Die Zauberflöte“ seine letzte Oper. Er starb im Dezember 1791 in Wien im Alter von fünfunddreißig Jahren und wurde in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Sankt Marxer Friedhof beigesetzt – damals gängige Praxis für die meisten Wiener Bestattungen nach den Vorschriften der Zeit, keineswegs ein Zeichen von Armut, auch wenn sich der Mythos bis heute hält.
Ein Jahrhundert später übernahm die Familie Strauss den Ballsaal.
Als Johann Strauss II. in den 1860er-Jahren den „Donauwalzer“ komponierte, hatte sich Wiens Musikkultur längst von der höfischen Patronage zu einer boomenden öffentlichen Unterhaltungsindustrie gewandelt – und die Familie Strauss war ihr größter Star. Johann Strauss I. baute sich eine Karriere auf – und schrieb 1848 den Radetzky-Marsch –, während er ein Tanzorchester durch die Ballsäle der Stadt führte; sein Sohn Johann Strauss II. übertraf ihn, tourte international und schrieb später Operetten wie „Die Fledermaus“. Zwischen den beiden Strausses entwickelte sich der Walzer von einer leicht skandalösen neuen Tanzmode zu dem Klang, der weltweit am meisten mit Wien verbunden wird – genau das Repertoire, auf das sich die thematischen Konzerte der Stadt bis heute stützen.
Mehr als zwei Namen
Mozart und Strauss sind die Zugpferde, doch Wiens musikalische Erfolgsserie reicht weit über beide Karrieren hinaus. Joseph Haydn, der den jungen Mozart freundschaftlich förderte und später dem jungen Beethoven Unterricht gab, verbrachte einen Großteil seines Arbeitslebens in und um die Stadt; Beethoven selbst zog 1792 dorthin und blieb bis zu seinem Tod 1827; Franz Schubert wurde in Wien geboren und starb dort, ohne sich je wirklich woanders niederzulassen. Brahms machte Wien in der zweiten Hälfte seiner Karriere zur Heimat, und Gustav Mahler leitete um die Jahrhundertwende die Wiener Staatsoper. Es ist diese ununterbrochene Kette bedeutender Komponisten, die in einer einzigen Stadt lebten und wirkten – nicht ein einzelnes Genie –, die Wiens Anspruch als „Stadt der Musik“ Gewicht verleiht.
Speziell dafür errichtete Hallen für all das
Wien hat nicht nur Komponisten hervorgebracht – es hat dauerhafte Institutionen geschaffen, um deren Werke am Leben zu halten. Die Wiener Philharmoniker wurden 1842 gegründet, Jahrzehnte bevor sie mit dem Musikverein ihr heute berühmtes Zuhause erhielten, das 1870 eröffnet wurde. 1913 folgte das Konzerthaus und gab der Stadt einen zweiten großen Konzertsaal, und 1869 öffnete die Wiener Staatsoper an der Ringstraße ihre Tore. Alle drei bespielen bis heute volle professionelle Saisons – neben den kleineren, thematisch ausgerichteten Konzerten für Besucher. Das macht den Ruf der Stadt als „lebendiges Museum" zur Realität, nicht zur Marketingfloskel: In denselben Räumen findet seit weit über einem Jahrhundert ununterbrochen musikalisches Leben statt.
Geschichte, die Sie heute Nacht noch hören können
Was Wien so besonders macht, ist nicht, dass hier Geschichte geschah – viele europäische Städte haben den einen oder anderen Komponisten in ihrer Vergangenheit –, sondern dass die Stadt nie aufgehört hat, sie aufzuführen. Die Philharmoniker und die Staatsoper bespielen ganze Saisons in denselben Gebäuden, in denen Strauss und Mahler wirkten; kleinere Ensembles halten Mozarts und Strauss' populärste Werke für Besucher in nächtlicher Rotation; und die ehemaligen Wohnhäuser und Gräber der Komponisten liegen nur einen kurzen Spaziergang von den meisten Orten entfernt. Ein Themenkonzert zu buchen ist in diesem Sinne ein Schritt in eine Tradition, die schlicht nie enden durfte – keine Nachstellung, sondern ihre Fortsetzung.